Wahrnehmung, Offenheit und Präsenz

Tantra und Alltag? Es ist nicht einfach für mich, die beiden Begriffe unter einen Hut zu bringen. Aber obwohl sie sich zu widersprechen scheinen, nehme ich das als die ‚große Aufgabe’ und ‚große Herausforderung’ für mich wahr. Tantra soll in meinem Leben kein Nischendasein führen, sondern sich in allen Bereichen meines Lebens ausbreiten können. Aber wie? Mich im Sexuellen dafür zu öffnen scheint noch eher machbar zu sein – vielleicht, weil ich mich dort ohnehin auf einem Terrain befinde, das Gefühl und Präsenz mehr einlädt und benötigt? Der Alltag soll ja in erster Linie ‚funktionieren’ und tantrische Momente sind dann Sahnehäubchen mit Zufallscharakter.

Ich möchte es aber nicht dabei belassen – so, wie ich in der Sexualität mit Tantra eine innere Haltung von ‚Wahrnehmung, Offenheit und Präsenz’ einlade, sollte das doch auch in meinem sonstigen Leben möglich sein!

Ich stelle für mich fest, dass es wirklich um die drei oben genannten Qualitäten dabei geht. Und um diese immer wieder ins Bewusstsein zu holen, habe ich mir eine spielerische Übung angewöhnt, die mich neugierig macht und mir Spaß macht. Die Übung (zu der ich gerne einlade sie mal auszuprobieren) würde ich am ehesten mit ‚Innehalten’ betiteln:

„Ich halte (in einer alltäglichen Situation – beim Einkaufen,  im Auto, am Computer) einen Moment inne, um mich zu spüren.
Wie fühlt sich mein Körper an? Wie ist mein Geist gerade unterwegs? Wie ist mein Atem? Welche Emotionen sind da? Wie fühlt sich meine Lust gerade an? Wie bin ich gerade?
Ich nehme ein paar bewusste Atemzüge und forsche durch meinen Körper und meinen Geist. Einfach das was da ist – und nicht das was fehlt oder da sein sollte.
Ich bin gerade so wie ich bin. (Manchmal braucht es einen Moment, bis ich mich darauf einlassen kann.)
Dann richte ich meine Aufmerksamkeit nach Außen.  Das ‚Sein’ zeigt sich mir in Formen, Farben, Gerüchen, Geräuschen, Emotionen und Gefühlen. Und ich versuche einmal ganz neutral und offen einfach wahrzunehmen, was sich mir gerade darbietet. Was steht davon mit mir direkt in Verbindung, was vielleicht indirekt? Welche Zusammenhänge zwischen mir und dem Außen lassen sich vielleicht erkennen? Wie ist das verwoben, welche Art von Gewebe ist diese Verbindung?“Wörtlich übersetzt heißt Tantra ja ‚Gewebe‘, ‚Kontinuum‘ oder ‚Zusammenhang‘.

In meinem Alltagszustand bin ich unbewusst mit den Aspekten, die mir wichtig erscheinen, verwoben – ja meist darin so verstrickt, dass ich im Ablauf von Aktion und Reaktion alles auf mich beziehe und meine inneren Reaktionen dazu einfach abspulen lasse, weil mich das sonst zu überfordern scheint. Das Gewebe ist eher ein hoffnungsloses Knäuel, manchmal gar ein Knoten. Ich bin verstrickt und habe kaum Möglichkeit das Gewebe zu erkennen, kann Zusammenhänge nicht wahrnehmen.

Meine kleine Übung verschafft mir ein wenig mehr Raum, Licht in das Knäuel zu bringen. Mein Tag ändert sich grundlegend, wenn ich es schaffe, dieses Innehalten über den Tag verteilt zu praktizieren. Auch ganz einfach mal zwischendurch: Spüren wie sich der Wind auf der Haut anfühlt, horchen wie sich meine und die Stimme des Gegenübers anhört, Augenkontakte, den Geschmack unseres Essens oder Getränks bewusst wahrnehmen. Nachzuspüren: Wo bin ich gerade? Was ist hier gerade am wichtigsten? Kann ich alle Aspekte meiner Situation wahrnehmen? Was ist meine authentische Antwort?

Das ist wie eine kleine Meditation, eine kleine ‚Gewahrseins-Insel‘ im Gegensatz zum ‚Auto-Modus‘, in dem ich mich sonst so oft wiederfinde.
Denn: Das was den Alltag für mich ’untantrisch’ macht, ist, dass ich mich meinen Automatismen überlasse. Nicht wirklich ‚da’ bin, nicht präsent bin.

Es braucht eine Form von Disziplin, um der Bequemlichkeit mich einfach gehen zu lassen, entgegenzuwirken. Und ich bin immer wieder fasziniert, warum sich das anstrengend anfühlt, oder ich es schlichtweg vergesse – weil, wenn ich es dann tue, ist das Leben um vieles facettenreicher,  aufregender, bedeutungsvoller, tiefer und schöner.

Mehr und mehr bekomme ich ein Gespür für das ‚Gewebe‘ und lerne, mich als einen Teil davon zu erkennen. Das, was ich als nächstes brauche, zeigt sich mir klarer, weil ich es besser wahrnehmen kann. Das was als nächstes entstehen will, ergibt sich selbständig und anstrengungslos. Und schon wandle ich zaghafte Schritte auf dem ‚sagenumwobenen’ tantrischen Pfad.
Einfach so.

Innehalten, spüren, wahrnehmen, gewahr werden, loslassen, präsent sein.

Und irgendwie gehört auch das ‚Herauspurzeln‘ aus dieser Bewusstheit immer mehr dazu. Und die Wahrnehmung, welchen Unterschied das macht.

 

Text: Christopher Boenke

Website: www.prano-tantra.de

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Christopher Boenke

Christopher Boenke, Jgg. 1962. Heilpraktiker für Psychotherapie und Einzelcoach. Ausbildung im Leiten von Gruppen (Being with People) bei Saleem Riek, Ausbildungen in Systhemischer Therapie und Körpertherapie nach Lowen, Gesprächs-, Kunst- und transpersonaler Therapie. Eigene Workshops seit 2010. Regelmässige Abendgruppen in Böblingen ab März 2017.

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