Tantra-Klischees

Beim Stichwort Tantra denken die meisten Menschen an Sex. Aber an welche Art von Sex? Die Assoziationen und Klischees reichen von Selbsterfahrungsgruppen, in denen man sich früher oder später auszieht, über Gruppensex mit Räucherstäbchen, sexuelle Techniken der Orgasmuskontrolle oder -intensivierung bis hin zu Massageangeboten im Rotlichtmileu. In Mainstreammedien wird Tantra häufig mit Tantramassage gleichgesetzt, obwohl diese Massageform erst vor wenigen Jahrzehnten entwickelt wurde und mit traditionellem Tantra kaum etwas zu tun hat. Daneben hat es der Begriff Slowsex zu einiger Berühmtheit gebracht, wohl weil jeder sich darunter etwas vorstellen kann.

Mal davon abgesehen, dass Tantra weit mehr umfasst als die Beschäftigung mit unserer Sexualität, haben alle diese Assoziationen durchaus einen Bezug zur Realität, aber ein tieferes Verständnis tantrischer Sexualität befördern sie wohl kaum.

 

Der Kern der tantrischen Philosophie

IMG_3499Was also ist tantrische Sexualität, was sind ihre besonderen Merkmale, worauf kommt es bei ihr an und was ist ihr Ziel? In der jahrtausendealten Tradition ist Tantra eine spirituelle Lehre, ein praxisbezogener spiritueller Weg, der Sexualität entweder in symbolischer Form (weißes Tantra) oder auch in leibhaftiger Form (rotes Tantra) nutzt, um die wahre Natur unseres Seins zu entdecken, in der alles mit allem verbunden ist und wir einzigartiger Ausdruck des Einen sind. Sexualität bietet kraftvolle Möglichkeiten, uns mit unserer animalischen genauso wie auch mit unserer spirituellen Natur zu verbinden und in deren Vereinigung exemplarisch die Transzendenz aller Polarität unmittelbar zu erleben. Wenn wir Sexualität in einem solchen Kontext erforschen, weist sie über sich selbst hinaus und wird zu einem Gleichnis für den Prozess, den manche spirituelle Schulen Erleuchtung nennen: die Realisation oder das Gewahrsein der Einheit aller Existenz in der unendlichen Vielfalt ihrer Erscheinungsformen.

 

Unterschiede und Widersprüche

Das mag recht blumig klingen. Bei manchem wird es erstaunliche Assoziationsräume öffnen, für andere wird das Gesagte hohl klingen oder sie vollkommen abtörnen, weil unerotisch, blutleer. Solche Unterschiede verweisen bereits darauf, dass Tantra und auch tantrische Sexualität immer aus der subjektiven Perspektive der eigenen Persönlichkeit wahrgenommen wird. Aus diesem Grund werden sehr unterschiedliche Sehnsüchte auf Tantrische Sexualität projiziert oder auch Widerstände mobilisiert. Einige besonders widersprüchliche Beispielpaare mögen das illustrieren:

  1. Durch Tantra wird Sexualität von etwas Niedrigem zu etwas Heiligem
  2. Im Tantra wird jede Bewertung transzendiert, das Heilige manifestiert sich auch im Animalischen.
  1. Durch Tantra wandelt sich Sexualität von etwas Zielorientiertem zu purer Absichtslosigkeit.
  2. Rotes Tantra ist der schnellste und direkteste Weg zur Erleuchtung.
  1. Tantrische Sexualität macht aus einer sexuellen Begegnung eine überpersönliche Erfahrung und befreit aus dem Gefängnis exklusiver Treue.
  2. Nur jenseits aller Ablenkung durch Affären oder Mehrfachbeziehungen entfaltet Tantrische Sexualität ihre Tiefe und und bekommt eine spirituelle Ausrichtung.

Ganz unterschiedliche Anliegen und Bedürfnisse berufen sich auf Tantra, um sich mit einer Art spiritueller Legitimation zu versorgen. Das kann eine Weile hilfreich sein, wird aber zum Gefängnis, wenn die vermeintlich einzig authentische tantrische Lehre mit einem Absolutheitsanspruch versehen und der jeweilige Gegenpol (typischerweise vertreten durch eine andere Tantraschule) abgewertet wird.

 

Jeder  will nach seiner Facon selig werden.

IMG_3357Wenn Menschen beginnen, ihre Sexualität im Kontext von Tantra neu zu entdecken, alte Wunden zu heilen und insgesamt lust- und liebesfähiger werden, spielen solche Kontroversen noch keine große Rolle. Man fühlt sich von derjenigen Tantrarichtung angezogen, die zu den eigenen Entwicklungsbedürfnissen passen.

  • Eher bindungsorientierte Menschen zieht es zum Slowsex, in dem dazu angehalten wird, die Fixierung auf Erregung und Orgasmus loszulassen, sich in die gemeinsame Präsenz zu entspannen und sich dann überraschen zu lassen, was „von allein“ entsteht. Untermauert wird die Wirksamkeit dieser Praxis mit Forschungsergebnissen aus der Hormonforschung, die angeblich nahelegen, dass regelmäßige Orgasmen dauerhafte Liebesbeziehungen runieren, weil dadurch die biologischen Fortplanzungsprogramme stimuliert und die Bindungsprogramme geschwächt würden. Das kann man glauben, muss man aber nicht.
  • Eher abenteuerlustige Menschen zieht es zu Praktiken, in denen gezielt mit wirkungsvollen Atem- und Bewegungstechniken die Kundalini-Energie geweckt und zum Aufsteigen gebracht werden soll, um sodann in höchster Ekstase auf den Wellen der Glückseligkeit zu reiten und vieles Abgefahrene mehr. Das kann durchaus genussvoll und bewusstseinserweiternd wirken, allerdings auch zur Sucht werden, bei der die Dosis stets gesteigert werden muss, um noch Erregunspotenzial zu besitzen.
  • Wieder andere hegen Widerstände gegen jede Art von Technik. Sie suchen ihr Heil eher in einer intuitiven Rückbesinnung auf die ursprünglichen Erfahrungsqualitäten und Prozesse, die in unserer sexuellen Natur angelegt sind. Auch dieser Weg hat seine Licht- und Schattenseiten, er kann von zivilisatorischem Leistungsdruck im Sex befreien, aber durch eine Mystifizierung des Natürlichen Entwicklungspotenzialen im Wege stehen, die eine gewisse Kunstfertigkeit erfordern.

Was sich so alles unter dem Begriff „Tantrische Sexualität“ verbirgt – so viel sollte nun klar sein – ist nicht nur höchst unterschiedlich, sondern schließt sich teilweise gegenseitig aus. Bei manchen Phänomenen innerhalb der Tantraszene entflammen daher regelrechte Glaubenskriege (bislang zum Glück auf rein mentaler Ebene), wenn es beispielsweise um die Verbindung von Tantra und Prostitution geht (als deren „Grauzone“ die professionelle Tantramassage gelten kann) oder bei der Verbindung von BDSM-Praktiken mit Tantra, die von den einen als Turbalader für erotische Präsenz im Spiel mit Polaritäten angesehen wird, von anderen als blindes Ausagieren unverarbeiteter Kindheitsverletzungen auf erotischem Terrain.

 

Version 2Sex heißt, den eigenen Standpunkt lustvoll über den Haufen zu werfen

Ich möchte mit diesem Text dazu ermutigen, Differenzen mit etwas mehr Unvoreingenommenheit, Gelassenheit und Neugier zu betrachten, anstatt vorschnell sein Urteil zu fällen, was echte und was irregeleitete tantrische Sexualität sei. Richtig und falsch sind keine absoluten Kategorien, sondern nur relativ – bezogen auf unseren jeweiligen Standpunkt – gültig.

Was mich am Sex mit am meisten fasziniert, ist sein Potenzial, unseren Standpunkt lustvoll über den Haufen zu werfen und als ein anderer aus der sexuellen Erfahrung hervorzugehen, als der wir in ihn eingetaucht sind. Mit der Bereitschaft, persönliche Absolutheitsansprüche zugunsten von etwas Größerem aufzugeben, erhalten wir die Chance, bewusst am unübersichtlichen Geschehen der Schöpfung teilzunehmen und unsere Teilnahme im Rahmen unserer Möglichkeiten lustvoll-kreativ zu gestalten. Unsere Sexualität, unser Liebesleben, unsere Kultur und der Planet Erde können eine Ideologie-auflösende Klimaveränderung bestens gebrauchen. Eine ausgeschlafene ansteckende Gesundheit, die im Bett anfangen kann, aber nicht darauf begrenzt bleiben muss.

 

Text: Saleem Matthias Riek
Website: www.schule-des-seins.de

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Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist 1959 geboren, Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge, Buchautor und lebt bei Freiburg im Breisgau. Seit 1986 erfolgreiche therapeutische Arbeit mit Einzelnen und Gruppen, seit 1992 mit den Schwerpunkten Liebe, Erotik, Paarbeziehung und Tantra, seit dem Jahr 2000 auch in der Ausbildung von Gruppenleitern tätig.
Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Weitere Bücher, darunter ein Roman, sind in Vorbereitung.

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4 thoughts on “Tantrische Sexualitäten – denn es gibt deren viele …

  • 6. September 2016 um 21:37
    Permalink

    Ein inspirierender Text von über tantrisch-sexuelle Spannungsfelder mit einem zauberhaften Schlusswort! Entspricht auch sehr meiner eigenen Sicht der Dinge. Unser Leben spielt sich immer in Spannungsfeldern zwischen zwei Polen ab, auch wenn unser diskursiver Verstand das gerne anders hätte. Aber genau aus unserer Zustimmung zu diesem Prinzip erwächst das Ende allen Leids und der Beginn von Lust und Frieden.

    Antworten
  • 7. September 2016 um 13:43
    Permalink

    Hallo Saleem,
    danke für diesen schönen Text! Das ist eine sehr gute Zusammenfassung von der schillernden Vielfalt dessen was Tantra sein kann und wie es aus den verschiedensten Richtungen wahrgenommen wird, gut zu lesen für Einsteiger, Kritiker und alte Hasen gleichermaßen.
    Ich bin sehr froh, dass es den TNL (Tantra Newsletter) nun endlich wieder gibt und finde ihn sehr gut gelungen! Vom Content her ebenso wie grafisch und in Sachen Nutzerfreundlichkeit.
    Liebe Grüße
    Sugata
    http://www.connection.de

    Antworten
  • 11. November 2016 um 11:47
    Permalink

    Ich schließe mich den vorherigen Kommentaren an, der Text ist sehr gelungen und beschreibt wunderbar die Vielfältigkeit der Perspektiven in Bezug auf Tantra. Schade, dass sehr viele Menschen in Tantra nur Ihre Sehnsucht/Sucht erfüllt haben wollen, anstatt sich einzulassen. Dafür muss man aber seinen Geist einschalten. Körper & Geist als Einheit, so bringt Tantra-Sex erst die Erfüllung.

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  • 18. November 2016 um 11:51
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    hallo Saleem!
    Jeder nach seiner Facon selig werden
    Mich fasziniert immer wieder, wie ich mich widerfinde in einem deiner Artikel. Ich glaube, einmal ist es deine umfassende Beschreibung, die andererseits auch die Widersprüche einschließt, die ich in mir fühle.
    Zutiefst ein Bindungsmensch liebe ich genauso das Abenteuer. Ich verdächtige mich, das genau dies nicht ein Abenteuer mit meinem „Schatz“ sein braucht. Das dies sogar das größere Abenteuer wäre.
    Die Anwendung einer tantrischen „Technik“ ist eher einschränkend für mich. Dabei mich genauer beobachtend habe ich diese doch. Sei es auch nur in langsam und tief zu atmen, Berührung, Massage, was mir Sicherheit gibt. Also doch auch Technik. Meine Freiheit brauche ich damit, das sie mir dient und nicht ich der Technik.
    ganz herzliche Grüße
    Stefan

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