Tantra und Polyamorie – Meine Erfahrungen

25 Jahre war ich mit meinem Ehemann zusammen, die meisten davon glücklich. Zwischen uns war fremdgehen oder Eifersucht nie ein Thema, unsere Beziehung zerbrach schließlich aus anderen Gründen. Nach der Trennung wollte ich dann etwas erleben, meinen Horizont erweitern, mit Männern in Kontakt kommen und meine Sexualität weiterentwickeln. Eine Freundin nahm mich mit zum Tantra.

Das war für mich ein Aha-Erlebnis. Hier konnte ich meine Sinnlichkeit und meine Spiritualität endlich zusammenbringen, die beiden stärksten Triebkräfte in mir. Ich hatte immer schon gespürt, dass beides eng zusammenhängt, nur dass mit dafür der gedankliche Rahmen fehlte. Im Tantra fand ich einen spirituellen Entwicklungsweg, der nicht über Askese und den Verzicht zum Göttlichen führte, sondern über die Fülle und höchste Intensität. Es geht um Hingabe an das, was ist, was sich gerade zeigt. Ich, bekennende Feministin, lernte die Polarität zwischen dem Weiblichen und Männlichen neu kennen und schätzen, ich lernte Shiva und Shakti als männliches und weibliches göttliches Prinzip kennen und verehren.

Ein halbes Jahr nach meiner ersten tantrischen Erfahrung traf ich ihn. Es war zunächst eine Zufallsbegegnung, er war eigentlich nicht mein Typ, im letzten Teil der Veranstaltung, dem Freiraum, trafen wir aufeinander und verbrachten eine schöne Zeit miteinander. Als ich am nächsten Morgen erfuhr, dass er mehrere 100 km weit weg wohnte dachte ich, dass ich ihn wohl nicht wiedersehen würde und fand das auch in Ordnung. Doch dann, während wir beide auf unseren Zug warteten, passierte etwas zwischen uns. Wir sahen uns eine Kirche an, standen Hand in Hand hinten, während eine Messe lief, vor einer Shakti-Maria, und spürten beide, dass da eine Verbindung war, die nichts mit Verliebtheit zu tun hatte, aber trotzdem sehr tief ging. Noch auf der Zugfahrt begannen wir zu mailen und merkten, unsere Gedanken flossen ineinander, wir erkannten uns im anderen wieder. Seelenbruder nannte ich ihn später.

Einige Zeit später traf ich ihn, er hatte beruflich öfter in meiner Gegend zu tun. Wir verbrachten einen wunderbaren Nachmittag und eine wunderbare Nacht zusammen. Ja, wirklich wunderbar, obwohl wir nicht miteinander schliefen. Er wollte nicht, weil er sich, wie er mir eröffnete, an dem gleichen Abend, an dem wir uns kennengelernt hatten, in eine andere Frau verliebt und auch die schon getroffen hatte. Es gab einen Augenblick, in dem ich mich entschied, mich einzulassen auf das was ist, nicht gekränkt wegzugehen, sondern einfach weiter da sein und schauen was passiert, Ja zu sagen. Ich spürte wie die Liebe zu dieser anderen Frau in ihm floß und konnte Ja dazu sagen, es fühlte sich einfach richtig an. Wir verbrachten den Rest der Nacht damit, auszuloten wo die Grenzen des miteinander schlafens verlaufen, und genau an dieser Grenze fand eine wirklich Begegnung statt.

Wir mailten natürlich weiter, wir hatten uns sooo viel zu sagen. Er traf diese Frau und es stellte sich heraus, dass sie mit Kindern und Partner in einer festen, aber offenen Beziehung lebte. Kurze Zeit später war er wieder in der Gegend und er schrieb mir, wir könnten uns treffen und alles nachholen, was wir in der ersten Nacht nicht getan hatten, wenn diese Frau in einer offenen Beziehung lebte, könnten wir das vielleicht auch.

Und so kam es auch. Es war eine längere und wechselhafte Geschichte. Ich lernte diese andere Frau kennen und fühlte mich ihr von Anfang an verbunden. Shaktischwester nannte ich sie, genauso wie ich Ausdruck der göttlichen SHAKTI, verbunden und solidarisch. Später lernte ich auch ihren Partner kennen, wir trafen uns auch zu viert. Ich selbst hatte eine Zeitlang eine erotische Freundschaft mit einem Mann, den ich schon länger kannte, bis er irgendwann das Plus in unserer Freundschaft aufkündigte, weil er sich verliebt hatte und monogam leben wollte (eine wunderbare Freundschaft ist geblieben). Es gab und gibt auch andere Begegnungen mit Männern, ganz kurze und etwas längerdauernde. Auch für ihn gab es noch mehr Frauen, die seinen Weg kürzer oder länger gekreuzt haben.

Es gab Zeiten, in denen wir dachten, dass wir ein ganz normales Paar werden können und Zeiten, in denen wir alles in Frage stellten, auch eine Zeit, in der wir (fast) keinen Kontakt hatten. Jetzt sind wir an dem Punkt wo wir wissen, dass wir zusammengehören und miteinander alt werden wollen, aber eben nicht als monogames Paar, sondern in Liebe verbunden mit anderen Menschen.

Für mich war und ist dieser gemeinsame Weg ein tantrischer, weil es bedeutete, sich immer auf das einzulassen, was gerade da war, egal ob es in dem Augenblick zutiefst ekstatisch und erfüllend oder zutiefst schmerzhaft war. Sich zeigen zu dürfen mit allem, was gerade da ist, das bringt eine neue Qualität an Intimität und Tiefe in eine Beziehung. So sind wir auf einem gemeinsamen Wachstumsweg, der hoffentlich noch lange dauert und spannend bleibt.

Was ich im Tantra auch gelernt habe ist folgendes: Liebe hat einen vorpersönlichen, persönlichen und überpersönlichen Aspekt. Vorpersönlich heißt, den Partner hauptsächlich in der Funktionalität zu sehen, ihn mehr zu brauchen als zu lieben, damit wird er austauschbar. Persönlich heißt, dass es eine Verbindung zu genau diesem einen individuellen Menschen gibt, da ist nichts austauschbar. Überpersönlich hießt, dass die Liebe an sich fließt, auch unabhängig von einer persönlichen Beziehung, wie z.B. bei einer Tantramassage. Wenn ich mich in einer polyamoren Beziehung dem Fluss einer Liebe, die auf einen anderen individuellen Menschen gerichtet ist, nicht entgegenstelle, sondern Ja dazu sage, fließt dieser überpersönliche Aspekt auch mir zu, ich klinke mich ein in diesen Energiekreislauf der Liebe und habe daran teil. Und das ist ein erhebendes Gefühl, dadurch fühle ich mich bereichert.

 

Susanne

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