Tantra im Beruf

Tantra im Beruf? Wie soll das gehen? Genau diese Frage beschäftigt mich seit vielen Jahren. Auf der einen Seite erlebe ich den achtsamen und respektvollen Umgang miteinander in den Kursen der Schule des Seins. Auf der anderen die aufs Funktionieren getrimmte, manchmal skurrile berufliche Umwelt. Es muss doch möglich sein, einen Teil des leichten, lebendigen Miteinanders auf den Beruf zu übertragen! Oder bin ich ein hoffnungsloser Idealist? Scheiß drauf, ein Versuch ist das allemal wert. Mir auf dem Bürostuhl im Lungi selbst eine Lingammassage zu gönnen, traue ich mich nicht. Also probiere ich es mit der inneren Haltung und ein paar Praktiken:

1.  Alles darf so sein, wie es ist

Das hört sich so schön an: Alles darf so sein, wie es ist! Im Job wird das allerdings nicht beachtet und macht das Leben unerträglich. Projekte dürfen nicht scheitern, Teams haben zu funktionieren und Ziele müssen erreicht werden. Die Realität wird ignoriert. Scheitern ist nicht erlaubt. Es wird der Schuldige gesucht oder hektisch an den Symptomen herumgedoktort.

Ich habe mir angewöhnt, im Team eine symbolische Pausetaste einzuführen. Wenn jemand glaubt, dass es so nicht funktioniert, kann er die Pausetaste drücken. Wir stoppen dann die Arbeit und unterhalten uns darüber, was jetzt gerade ist (siehe auch Standpunkt, Bitte und Appell). Indem wir uns eingestehen nicht zu wissen, wie es weiter geht, eröffnen wir den Raum für kreative Lösungen.

2.  Sich selbst wahrnehmen

In Meetings oder Seminaren erlebe ich oft, dass Teilnehmer das Geschehen über sich ergehen lassen. Genervt oder gelangweilt warten sie die Zeit ab und lenken sich mit dem Handy ab. Sie geben die Verantwortung über das Gelingen an den Vortragenden ab und meckern hinterher über die miese Veranstaltung.

Ich versuche, so konzentriert wie möglich bei der Sache zu sein und nehme meine Körperempfindungen wahr. Wenn ich merke, dass es irgendwo zwackt, ich unruhig oder unkonzentriert werde, stimmt etwas nicht. Innerlich suche ich dann, was es sein könnte und wie ich für mich sorgen kann. Im einfachsten Fall frage ich nach einer Kaffeepause und frischer Luft. Im unerfreulichsten Fall frage ich in die Runde, ob die Veranstaltung sinnvoll ist oder ob sie unter anderen Bedingungen an einem anderen Tag fortgesetzt werden sollte. Zwischen diesen beiden Polen gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, für mich zu sorgen und auf die Veranstaltung Einfluss zu nehmen.

3.  Standpunkt, Bitte und Appell

In der beruflichen Welt wissen wir meistens nicht, was unser Gegenüber bewegt. Es wird nicht richtig zugehört und erst recht nicht nachgefragt. Diskussionen werden zum Schlagabtausch, Ergebnisse nicht erzielt und hinterher sind die Beteiligten genervt.

Wie in den Tantra Seminaren gelernt, teile ich meinem Gegenüber zuerst mit, ob ich einen Standpunkt kommuniziere oder eine Bitte oder einen Appell äußere. Bei einem Standpunkt erwarte ich keine Handlung meines Gegenübers. Es geht nur darum, klar zu machen, wo ich gerade stehe. Anschließend frage ich mein Gegenüber nach seinem Standpunkt. Erst im zweiten Schritt äußere ich eine Bitte oder einen Appell. Der Unterschied zwischen Bitte und Appell ist, dass ich auf eine Bitte auch gut ein nein hören kann, während ein Appell eine klare Aufforderung zur Handlungsänderung ist.

4.  Transparent sein

Statt davon zu sprechen, was einem wirklich wichtig ist und seine eigenen Verhaltensweisen zu erklären, werden im Job oft Spiele gespielt. Da vertreten Menschen Positionen, weil es ihr Job ist oder kümmern sich nur um die eigene Karriere anstatt das ganze Bild im Blick zu haben. Gründe werden vorgeschoben und Konflikte „professionell“ über die Sache ausgetragen.

Ich versuche so transparent, wie möglich zu sein. Wenn ich keine Lust auf eine Dienstreise habe, sage ich: „Ich war die letzten drei Wochen auf Dienstreise und möchte gerne eine Woche daheim bleiben. Deshalb werde ich zu dem Meeting nicht kommen. Ihr dürft mich gerne anrufen“. Falls ich keine Ahnung von einem Thema habe: „Das habe ich noch nie gemacht, probiere es aber gerne aus“. Oder wenn ich beeinflusst bin: „Ich habe eine geschäftliche Beziehung zu Herrn X und möchte ihm nicht schaden, deshalb entscheide ich mich für die Alternative A“. Transparenz ermöglicht es unseren Mitmenschen, unser Verhalten zu verstehen.

5.  Loslassen

Ich kann im Beruf alles richtig machen. Trotzdem gibt es Menschen, die sich nicht verändern wollen. Sie sind so, wie sie sind. Sie intrigieren hinter meinem Rücken. Sie wissen alles besser und lassen mich das spüren. Sie sind so überzeugt von sich, dass sie wie ein Elefant sämtliches gruppendynamisches Porzellan zerschlagen.

Wie heißt es: Ich bin Teil von etwas Größerem; ich habe zwar Einfluss darauf, kann es aber nicht kontrollieren. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem ich los lassen muss. Ich habe meinen Teil beigetragen, um den Job ein Stückchen leichter und lebendiger zu gestalten. Das beeinflusst das Ganze. Allerdings kann ich meine Arbeitskollegen nicht zwingen, sich anders zu verhalten. Ich kann nur mit gutem Beispiel vorangehen und eine Bitte äußern. Wenn ich meinen Beitrag geleistet habe, hilft nur meditieren, abwarten und sehen, was sich verändert.

Fazit

Wenn wir Tantra nicht nur als sexuelle Praktik betrachten, sondern als innere Haltung, lässt sich Einiges auf den Beruf übertragen. Die Wahrnehmung des Körpers kann uns rechtzeitig signalisieren, wenn uns etwas missfällt. Ein sorgsamer Umgang miteinander fördert ein leichtes und lebendiges Arbeitsumfeld. Das sind keine Garantien für eine bessere Welt, aber Schritte auf einem Weg zu einem menschlicheren Alltag. Alleine das Gefühl, etwas getan zu haben, hilft. Aus der Ohnmacht, den Umständen ausgeliefert zu sein, erkennen wir unsere Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen.

 

Text: Andreas Epping

Webseite: www.myway-training.de

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Andreas Epping

Andreas, Jahrgang 1968, hat verschiedene Tantra Schulen besucht und seine Heimat in der Schule des Seins bei Saleem Matthias Riek gefunden. Er absolvierte viele Workshops, Assistenzen, die Gruppenleiterausbildung „Being with People“ und die Gemeinschaftsbildung „Ich, Du, Wir“. Als Dipl. Inform führt er in unterschiedlichsten Unternehmen Projekte mit unterschiedlichsten Menschen und Methoden durch. Zusätzlich absolvierte er eine NLP-Ausbildung und eine Ausbildung in Visual Facilitating. Zusammen mit Doris Enderle überträgt er seit zwei Jahren die Haltung der Kunst des Seins im Rahmen des myWay-Trainings in den beruflichen Kontext.

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One thought on “Tantra im Beruf

  • 31. März 2017 um 8:56
    Permalink

    Punkt 2 finde ich besonders zutreffend. Tantra schult die Selbstwahrnehmung und besonders in solchen Situationen, wie im Seminar oder Meeting kommt es oft vor, dass man sich ablenken lässt. Wer aber Meditation oder speziell Tantra kennt, der lernt, wie er auf seinen Körper hört und Signale wahrnimmt, um entsprechend zu handeln. 😉

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