Sex ist gut. Sex ist gesund. Sex ist elementarer Bestandteil unseres Daseins – ohne Sex gibt es kein neues Leben. Sexualität ist die Gesamtheit unseres Wissens und Erlebens im Zusammenhang – ja womit? Mit Penis und Vagina?

Sex macht man, wenn man Gelegenheit, Zeit und Lust drauf hat. Geil sein und dann vögeln? Oder gehört da mehr dazu? Achja, da war ja noch was – Spielen für Erwachsene, mit Wollust und Ekstase und so… aber wieviel davon lassen wir eigentlich noch zu?

Sex sollte eigentlich Spaß machen und befriedigen. Aber Stress und das allgegenwärtige Leistungsdenken machen sich in unserer Gesellschaft zunehmend auch im Sex breit. ‚Abspritzen‘ wird missbraucht – es wird zu einer weiteren Sucht in unserer verkorksten Gesellschaft, die den Burnout mittlerweile normal findet. Die Unsitte des ‚Größer-länger-geiler‘ treibt Männlein wie Weiblein tendenziell zu immer mehr Pornokonsum oder zu  ‚Hilfsmitteln‘  wie Viagra, Vibratoren und Vaginaloperationen. Alles schon ausprobiert, alles öde? Nichts kickt wirklich? Vor lauter Performancezwang stumpft die erotische Wahrnehmung ab. Langeweile und Lustlosigkeit machen sich breit, wenn nicht gar Verzweiflung. Bei Frauen gilt Lustlosigkeit als die am häufigsten vorkommende sexuelle Funktionsstörung. (Bei Männern sind es Erektionsschwäche und Ejaculatio praecox.) Wobei schon der Begriff ‚Funktionsstörung‘ nur das  vorgeblich Pathologische betont, anstatt verstehen zu helfen, dass das, was er beschreibt, vor allem ein großer Hilferuf nach gefühlter, gelebter Sinnhaftigkeit ist. Das überfordert so manchen klassischen Sexualtherapeuten, der vor allem mit Gesprächen arbeitet. Irgendwann stoßen diese eben an ihre Grenzen, weil das, was im Kopf passiert, nur die eine Seite der sexuellen Wahrheit darstellt. Unsere Gefühle aber sind viel mehr mit dem Körper und seinen Erfahrungen verbunden. Sexological Bodyworker und tantrische Sexualtherapeuten wissen das und arbeiten daher anders.

 

Was bedeutet in diesem Zusammenhang der tantrische Zugang zur Sexualität?

Zunächst einmal bedeutet er, dass der Zugang zum Lebendigen und zum Fühlen der wichtigste Ansatz ist. Der Mensch ist keine Maschine. Tantrische Sexualität bedeutet, dass alles Leistenmüssen und Bewerten den Menschen immer mehr entfernen von sich selbst und seiner lustvoll erfahrenen Sinnlichkeit. Dass gut ist, was ist. Dass ein perfekter Body irrelevant ist, weil wir alle einzigartig sind und mein Partner mich so begehrt wie ich bin.  Dass ein Orgasmus ein Geschenk, aber keine Notwendigkeit ist, weil Hingabe an den Moment das ist, was eigentlich zählt.

Wenn ich meine sexuellen Praktiken mit Hilfe von Tantra (und einer kompetenten Begleitung bzw. eines Therapeuten) entschleunige und von allem Leistungsballast befreie, habe ich die Möglichkeit, mir neu zu begegnen. Ich gestatte mir zu genießen und verfeinere meine Genussfähigkeit mit allen Sinnen,  lerne neu zu hören, zu riechen, zu schmecken und zu fühlen. Ich lerne dadurch, mit meinem Körper und meinen Gefühlen in Kontakt zu gehen. Ich öffne mich meinen Gefühlen und heilsamem Loslassen von altem Schmerz, selbst wenn es mich ein paar Tränen der Trauer – und der Erleichterung kostet. Ich lerne, mich selbst achtsamer zu berühren, als ich das bislang getan habe, und meine erogenen Zonen neu wahrzunehmen oder vielleicht neue zu entdecken. Ich lerne, meinen Körper als Tempel wahrzunehmen und zu verehren, mit Öl und balsamischen Essenzen, mit Federn, mit Tanz und Atem. Mein Lingam, meine Yoni ist ein guter, verehrungswürdiger Ort. Ich lerne, dass Selbstliebe mehr mit Liebe als mit Orgasmus zu tun hat. Und wenn ich mich selbst lieben gelernt habe, kann ich diesen Überfluss auch an meinen Partner weitergeben und mit ihm teilen.

 

Lustvoll-sinnliche Begegnung im tantrischen Geist

IMG_1583In der Begegnung im tantrischen Geist geben sich die Partner – vielleicht seit langer Zeit zum ersten Mal – wieder die Chance, wirklich gesehen zu werden, wirklich einander Raum und Zeit zu schenken und dies ohne jede Erwartungshaltung. Sex ist Kommunikation, dies vor allen Dingen. Nein und Ja sagen lernen, Bedürfnisse und Wünsche (gewalt)frei zu artikulieren, gemeinsam essen, atmen oder AugenBlicke teilen und einander in neu gewonnener Offenheit und Intimität halten und massieren – all das, gelernt und geübt, schafft eine neuartige Nähe. Viele Übungen lehren, sich selbst  und den Partner, zunächst unter Anleitung, dann zunehmend allein,  neu wahrzunehmen, neu zu berühren, am Körper, im Geist und in der Seele. Die Praxis des ‚Slow Sex‘ ermöglicht schließlich das, wovon viele träumen – stundenlange körperliche Vereinigung in lustvoller Verbundenheit – allerdings auf einer ganz anderen, viel tieferen Ebene. Nicht mehr zu Kommen (nur zu Zeugungszwecken) ist eine logische Folge wirklich tantrischer Praxis. Sex ist lernbar, und tantrische Sexualität ist ein weites Feld voller wunderbarer Erfahrungen, die der Körper machen darf und den Menschen dadurch in seiner Gefühlswelt wieder offen werden lässt.

Vor allem Frauen erleben sich durch die andauernde Praxis tantrischen Sexes in ihrer Weiblichkeit neu, wenn ihnen endlich der Druck genommen wird, schön, sexy und feucht sein zu müssen (und bei all der Bettakrobatik aktiver als sie es denn vielleicht möchten…). Aber auch Männer finden zu einer neuen Haltung gegenüber Orgasmus, Erektion und Geilheit. Im Verweilen in energetischer Präsenz  erleben sie eine neue Qualität von Mannsein und von Lust, die die Erotik mit dem Herzen verbindet und bis in die tiefsten aller Gefühle hineinzielt.

Die Risiken sind – wie immer, wo etwas aufs Essentiellste angesprochen und geprüft wird – dass  es in der Paarbeziehung gewaltig rumpeln kann, weil Dinge angesprochen werden, die möglicherweise schon lange brodeln. Gegebenenfalls stellen die Partner sogar fest, dass sie sich unterschiedlich entwickelt haben und in ihren Bedürfnissen nicht mehr zueinander passen. Das Loslassen kann auch bedeuten, die ganze Beziehung loslassen zu müssen.  Die Chancen aber bestehen in einer neuen Qualität von Sinnlichkeitswahrnehmung und erneuerter Neugier auf den Partner, in einer größeren Bandbreite von sexuellem Erleben und sexueller Lust und teilweise in Heilung von nichtorganischen Funktionsstörungen. Tantrischer Sex und tantrische Sexualität sind sinnlichkeits- und sinnstiftend. Diese Öffnung zum lebendigen Sein schenkt uns nicht nur die nährende Nähe des Partners, sie schenkt uns  letztlich uns selbst zurück.

 

Text: Magdalena Wede
Website: www.trm-coaching.com

 

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Magdalena Wede

Magdalena Wede ist Sexological Mind- & Bodyworker und Gesundheitspraktikerin (BfG) für Sexualität. Sexological Mind- & Bodywork verbindet als körperorientiertes Sexualcoaching Denken, Handeln und Fühlen und nutzt für die Veränderungsarbeit u.a. auch Elemente aus dem Tantra und der systemischen Sexualtherapie.

‚Seit ich mich erinnern kann, fasziniert mich die menschliche Sexualität mit all ihren Facetten des Erlebens. Die erotische Begegnung von Mann und Frau kann uns in elementarer Weise mit uns selbst und unserer Lebendigkeit verbinden.‘

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