Polyamorie und die Tantra-Szene

Meine erste Bekanntschaft mit offenen nicht-monogamen Beziehungen habe ich im Jahr 1994 als 23jähriger gemacht, als ich, getrieben von der Liebe zu zwei Frauen, das ZEGG in Belzig kennengelernt habe und dort zur „Freien Liebe“ konvertiert bin. Später habe ich den Begriff der Polyamorie kennengelernt und mich dort erst recht wiedergefunden. Ein Jahr später begann dann auch mein tantrischer Weg. Für mich war es die logische Antwort auf die Frage: was mache ich mit all der befreiten Energie, die ganze rohe ungebremste Power? Klar, ich bringe sie in spirituell-meditative Kanäle. Ich bin also seit über 20 Jahren in beiden Kreisen unterwegs und möchte über meine Wahrnehmung schreiben, wie diese Kulturen miteinander in Kontakt stehen.

Viele Menschen, die nur wenig über Tantra wissen, projizieren drauf, dass die Tantriker ein sehr offenes und freies Liebesleben haben. Schaut man sich die Sache näher an, erkennt man, dass Tantra, sowohl in seiner traditionellen als auch in seiner westlich-therapeutischen Form Raum für alle möglichen Beziehungsweisen bietet.

So gibt es jede Menge Tantriker, die in monogamen und exklusiven Beziehungen leben. Es gibt mit Sicherheit einige gute Gründe, tantrische Sexualität in erster Reihe in der Partnerschaft zu leben. Im idealen Fall ist der Fluss der Liebe voll gegeben und der Herz-Genital-Kreislauf intakt. Somit sind auch die Voraussetzungen da, in der Sexualität in die Tiefe zu gehen. Tantrische Partnerschaft erfordert allerdings die Fähigkeit, innerlich allein zu stehen, sich nicht völlig vom Partner abhängig zu machen und zu sehr und an ihm anzuhaften. Beziehungssüchtige Strukturen voll gegenseitiger Abhängigkeit, wie sie in unserer Kultur leider öfter die Regel sind als die Ausnahme, sind ein Hindernis für jedes spirituelle Wachstum.  In diesem Fall ist möglicherweise einiges an Schattenarbeit nötig, um hier eine heilsame Loslösung und Differenzierung zu vollziehen.

Ja, Tantra-Praxis wendet sich von seinen Ursprüngen her auch explizit an zölibatär lebende Menschen, die die energetischen Überschüsse durch die ausgeübte Askese-Praxis energetisch sinnvoll kanalisieren möchten. Ein gemäßigtere,  jedoch sehr wirkungsvolle Möglichkeit ist ein zeitbegrenztes energetisches sex-Fasten. Das führt zu starken energetischen Phänomenen und soll unbedingt mit verstärkter Praxis flankiert werden.

Was das rote Tantra betrifft, so dürfte eine zumindest vorsichtige sinnliche Öffnung zu Dritten eine notwendige Bedingung sein, um überhaupt diesen tantrischen Pfad gehen zu können. In unseren Gruppen etwa gibt es immer wieder Momente, in denen heilige, rituelle Nacktheit in der Gruppe geteilt wird und es findet auch Berührung, Umarmung und Zärtlichkeit statt. Auch bei den sexuellen Ritualen, die man mit einem Partner vollzieht, teilt man gemäß den tantrischen Vorgaben den Raum mit den anderen Paaren, mit Leitern, Helfern und Zeugen.

Es gibt bei uns und bei den meisten anderen Anbietern des roten Tantra immer die Möglichkeit, als Paar bei einem Seminar als „Free Floater“ mitzumachen, wo man sich entscheidet, manche Übungen auch mit Dritten zu machen, oder als „Deep Diver“, als welcher man alle erotischen Übungen mit dem Partner machen möchte.
Partnerwechsel bei manchen sinnlich-erotischen Übungen ist eine wichtige Lernerfahrung und kann den Horizont der einzelnen sehr erweitern, gerade auch dann, wenn dies einen Tabubruch darstellt. Solche Rituale sind ein guter Schritt aus der Konventionalität hinaus, bergen aber auch immer das Risiko, dass sich unterdrückte Gefühle oder der Machtimpuls des Egos einschaltet und das Ritual unter den Einfluss negativer Kräfte gelangen kann.

Wer Feuer fängt und sich auf den tantrischen Prozess tiefer einlässt, der wird erfahren, dass er sich immer leichter tut mit der Sinnlichkeit und damit, sich im Raum mit anderen nackten Menschen zu bewegen und erotisch zu sein. Der tiefere tantrische Prozess ist grenzerweiternd; er macht nicht halt vor den gesellschaftlich eingebläuten Monogamie- und Ausschließlichkeitsdogmen. Du merkst vielleicht, dass du jetzt freier von Angst bist, und es vielleicht jetzt erst wagst, bestimmte Glaubenssätze, die dir Identität gegeben haben, in Frage zu stellen. Was natürlich auch immer wieder ein Buchstabieren Lernen ist. Irgendwo steht: Liebe ohne Eifersucht buchstabieren heißt, das Leben neu buchstabieren lernen.

Tantra bietet diese Gelegenheit.

Für die meisten Menschen bedeutet eine erotische Öffnung, mit dem großen Lebensthema der Eifersucht konfrontiert zu werden. Die wenigsten gehen da freiwillig gerne hin. Im Zusammenhang des Tantra sieht man allerdings Chancen, verschiedene Formen der Eifersucht teilweise oder ganz zu überwinden oder einigermaßen in den Griff zu kriegen. Bei vielen reicht es, sich geistig mit einem neuen Lebensparadigma auseinanderzusetzen, für andere führt die Begegnung mit diesem Schatten zu Kindheitstraumata. Dann empfiehlt sich eine Psychotherapie, um sich das anzuschauen. In manchen Fällen ist die Eifersucht auch noch zu hoch, und man muss auf solche Experimente verzichten. Schmerzhaft und problematisch wird es da, wo die Partner sich nicht einig sind.

 

Polyamorie

Unter Polyamorie versteht man den nicht besitzergreifenden, ehrlichen und verantwortungsbewussten Lebensstil, mehrere Personen gleichzeitig und offen zu lieben.
Den polyamoren Weg im tantrischen Kontext konsequent zu gehen, kann als eigener Pfad angesehen werden: alleine führt er nicht zur Vervollkommnung, aber die damit verbundenen Konventionen zu durchbrechen und Mehrfachbeziehung in Liebe zu meistern, kann sich als enormer Beschleuniger erweisen.

Bei meinen Kursen und Jahrestrainings kommen etwa 50% Menschen, die sich eher als mono und 50%, die sich eher als poly bezeichnen. Das ist nun sicherlich nicht repräsentativ, da ich mich durch das gleichzeitiges Betreiben der Polyamorie-Homepage auch in diesem Bereich profiliert habe und auch sonst kaum ein Blatt vor den Mund nehme. Ich glaube trotzdem, dass viele Menschen, die sich in Mehrfachbeziehungen orientieren wollen, auch gleichzeitig an Tantra interessiert sind. Verschiedene tantrischen Rituale unterstützen und fördern ja auch die liebeserotische Freiheit.

Ich habe vor allem in zwei Tantra-Schulen wirklich klare Konzepte und eine bewusste Förderung des polyamoren Gedankens vorgefunden – und in beiden Fällen von den Lehren sehr profitiert. Das eine ist die Gruppe um den kürzlich verstorbenen Therapeuten und spirituellen Lehrer Samuel Widmer, die Kirschblüte aus der Schweiz, die andere die Komaja-Schule des kroatischen Tantra-Gurus Aba Aziz Makaja.

Bei Samuel Widmer, der sich in seinen letzten Lebensjahren intensiv dem Tantra zugewandt hatte, ergibt sich aus dem von ihm skizzierten Weg des Aufstiegs durch die Chakras bereits beim 2. Chakra das Prinzip: der Sex soll und muss völlig frei sein; niemand soll einen anderen besitzen – die Freiheit der Sexualität wird nur durch die Vorgaben des Herzens beschränkt. In der vom ihm gegründeten menschlichen Gemeinschaft versuchen viele Menschen, dem Ideal der polyamoren Beziehung nahezukommen. Widmer empfiehlt, keine äußeren Absprachen zu treffen, und alles im Inneren zu lösen.

In puncto Absprachen ist die Komaja-Gemeinschaft der völlige Kontrast zu den Kirschblütlern. Hier wird empfohlen, die Angelegenheiten der „liebeserotischen Freiheit“ minutiös durch einen schriftlichen Vertrag zu regeln. Was die Komajas und ihr geistiger Lehrer Makaja versuchen, ist, Grundlagen zu schaffen für stabile Mehrfachbeziehungen, die sich wie eine Familienerweiterung darstellen, um ein, zwei, drei oder mehr weitere Personen, die zu gleichen Rechten und oft in einem Haushalt zusammenleben. Makaja ist der Ansicht, dass die polyamore Vielehe – die er Zajedna nennt – eine evolutionäre Emergenz der Ehe darstellt und die Form, in der die Probleme der kommenden Jahrzehnte am ehesten gelöst werden können, da sich dort die Bedürfnisse nach Verbindlichkeit und Harmonie sowie die Bedürfnisse nach Abwechslung gegenseitig ergänzen.

Eine Warnung vorneweg: Der polyamore Weg ist ähnlich wie der monogame auch voller Brüche, voller Gefahren und auch voller Lügen und Halbwahrheiten. Wenn Menschen zu mir kommen und Rat suchen, weil sie sich polyamor öffnen wollen, weise ich sie darauf hin, dass Polyamorie bedeutet, sich und dem Partner zuzumuten, auch mal in der Position des Ausgeschlossenen zu stehen und die damit einhergehende Einsamkeit zu schultern in der Lage zu sein. Dafür sind vielleicht vielfältigere Freuden möglich, gewiss aber auch ein größeres Maß an Auseinandersetzung, vor allem mit der Eifersucht, die auch ein gutes Maß an Selbstsicherheit und Kommunikationsfertigkeiten voraussetzt.

Polyamorie soll nicht als Möglichkeit missverstanden werden, Defizite in der Beziehung durch eine Art Ergänzungspartner auszugleichen. Tantrisch verstandene Polyamorie heißt für mich, dass ein Paar in der Lage ist, einen großen energetischen Überfluss zu schaffen, auch der Körper-, der Herz- und der Geistebene und nun in der Lage, diesen Überschuss auch mit anderen zu teilen.

Wichtig halte ich in diesem Zusammenhang vor allem, dass Partner sich dem Thema explizit stellen, wie viel Sicherheit und wie viel Abenteuer sie brauchen, bis hin zu festen Nebenbeziehungen. Bewusste tantrische Partnerschaft schließt ein, dass ein Paar in der Lage ist, diese Fragen für sich wahrheitsgemäß zu beantworten, Kompromisse zu finden und Vereinbarungen zu treffen, die beiden gut tun.

 

Fazit

Ich plädiere hier entschieden für ein Nebeneinander von frei gewählter Monoamorie und frei gewählter Polyamorie und finde letztlich beide Möglichkeiten wachstumsfördernd; ebenso wie ein frei gewählter Zölibat das sein kann. Möglicherweise ist es eine Typ-Frage, zu welcher Beziehungsform man mehr tendiert, man kann sich da auch im Laufe seines Lebens ändern.

Entscheidend ist eher, wie man diese Beziehungsformen lebt: alle drei Varianten können Teil einer integralen tantrischen Kultur sein, möglicherweise kann man aber je nach Lebensform unterschiedliche Lektionen lernen: Verbindlichkeit und Verzicht auf egoistische Befriedigung in der Monogamie, Verbindlichkeit und Teilenlernen in der Polyamorie, Verzicht und völlige Konzentration auf ein spirituelles Ziel im Zölibat.

 

Text: Silvio Wirth

Webseite: www.secret-of-tantra.dewww.polyamorie.de

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