Fündig geworden und Schluss mit Tantra?

In Bezug auf Tantrische Sexualität, Chancen, Risiken und Nebenwirkungen („fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“) ist mir unter anderem eine Auffälligkeit immer wieder begegnet: Teilnehmer von Tantra Seminaren kommen oft mit der Motivation, einen passenden (Sexual-)Partner zu finden. Wenn sie fündig geworden und im ersten Moment scheinbar glücklich sind, dann bleiben sie weiteren tantrischen Veranstaltungen fern. Spätestens nach 2-3 Jahren sind sie auf dem nächsten Tantra Seminar wieder neu auf der Suche …

 

Was ist passiert?

Zunächst ist meiner Auffassung nach „Tantra“ eine Lebenseinstellung. Bewusstheit, Achtsamkeit und Präsenz dürfen alle Lebensbereiche erfassen. Das beginnt bei den Kleinigkeiten des täglichen Lebens und endet nicht in der Beziehungsgestaltung oder der sexuellen Interaktion. Viele Menschen haben immer noch die Vorstellung, dass Tantra und Kamasutra das Gleiche sind oder wenigstens, dass man im Tantra lernt, glücklichen und erfolgreichen Sex zu haben. Letzteres ist durchaus ein Teil der Wahrheit, jedoch eben nur ein Teil. Bisweilen wird Tantra auch einfach nur instrumentalisiert, um ein bestimmtes Ziel (z. B. Partnerfindung) zu erreichen. Dann hat Tantra seinen Dienst getan und wird nicht mehr gebraucht. Schade eigentlich!

1199px-Pair_of_mandarin_ducks-FREE-© Francis C. FranklinNeulich erhielt ich die Nachricht eines ehemaligen Teilnehmers: „Jetzt bin ich verheiratet und habe mich vom Tantra entfernt, doch ich sollte mich dem wieder annähern. Man könnte denken, dass die Zweisamkeit uns einander näher bringt, aber tatsächlich machten wir Rückschritte. Auch wenn wir insgesamt aneinander wachsen – doch es ist mühsam! Sagen wir, es stellt mich mehr auf die Probe, als alleine zu leben. Es wird Zeit zu üben, was ich im Tantra gelernt habe.“ Noch drastischer zeigt es das Beispiel eines ehemaligen Pärchens, das sich im Tantra Seminar kennen gelernt hatte und dann weg blieb: Nun wieder Singles, wollten Mann und Frau nach einiger Zeit der Tantra-Abstinenz wieder zu den Kursen kommen, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass der jeweils andere – inzwischen zur „persona non grata“ herabgestiegene – Partner nicht ebenfalls anwesend sei. Soweit zu den Risiken und unerwünschten Nebenwirkungen.

 

Von Steinen auf dem Weg und Knüppeln zwischen den Beinen

Ist unsere Partnersuche erfolgreich gewesen, stellt der Alltag uns und unsere Beziehungen immer wieder auf die Probe. Vielleicht nicht sofort, doch schon nach ein paar Monaten wird es kritisch. Da kehrt Routine ein oder es gibt vielleicht eine berufliche Veränderung oder einen neuen Lebensraum, wo es neue und spannende Menschen zu entdecken gibt. Dann zieht manchmal der angestammte Lebenspartner den Kürzeren, weil es bei ihm scheinbar nicht mehr so viel zu entdecken gibt.

Kombinierte Lebens- und Arbeitsgemeinschaften bergen das Risiko, dass die Arbeit wichtiger wird, als die private Zeit, die wir unserem Partner widmen. Workaholics sind hier besonders gefährdet. Hier noch ein Telefonat, da noch eine E-Mail. Der Auftrag muß jetzt noch ganz schnell erledigt werden! Ein Selbständiger ist zusätzlich gefährdet, besonders in der Startphase seine Firma, wenn es gilt, alle Energie in den Unternehmensaufbau zu investieren. Dann bleibt keine Zeit mehr für Privates.

In Zweisamkeit entwickeln sich auch Riten, in denen sich die Partner gegenseitig „die Knöpfe drücken“. Ein Wort ergibt das andere und nach kurzer Zeit ist einer, wenn nicht sogar beide eingeschnappt. In dieser Situation ist Sexualität kaum noch möglich – geschweige denn tantrische. Außer es gehört zum Vorspiel. Eine Variante ist das Schweigen. „Ist was?“ – „Nein, nichts!“ Wenn die Kommunikation aufhört, dann wird echte Begegnung schwierig, da die Grenzen der Beteiligten nicht mehr klar sind.

Wenn Grenzen nicht klar kommuniziert werden und für das Gegenüber nicht erkennbar sind, dann kommt es häufig zu Verletzungen. Alte Wunden werden berührt und es kann sogar zu einer Retraumatisierung kommen, anstelle heilsamer Zuwendung. Dann beginnen die Partner, sich aus dem Weg zu gehen, vermeiden die „wunden Punkte“ und leben schließlich nur noch nebeneinander her, oder gehen sogar getrennte Wege. Bis dann vielleicht ein neuer, potentieller Partner ins Leben tritt.

 

Tantra als Chance

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich lohnt, auch im Alltag alles zu üben und immer wieder anzuwenden, was wir in westlichen (Neo-)Tantra Seminaren lernen. Oft spüren wir Widerwillen, wenn eine Meditation oder Übung dazu geeignet ist, etwas in uns nachhaltig zu verändern. Die größten Drachen heißt es, hüten die größten Schätze. Daher lohnt es sich, ganz besonders im Alltag dran zu bleiben. Auch an den Dingen, die nicht auf unserer Hitliste stehen.

Gerade, wenn es darum geht, eine Beziehung bewusst lebendig zu gestalten, sind tägliche Präsenz und liebevoller, achtsamer und wertschätzender Umgang miteinander gefragt. Das erfordert Disziplin. Zum Beispiel durch regelmäßiges Zwiegespräch, aktives Zuhören und gewaltfreie Kommunikation.

Eine regelmäßige Teilnahme an Tantra Seminaren oder Abenden ist dazu nicht notwendig, doch es erleichtert die Überwindung des „Inneren Schweinehundes“ ungemein, wie ein Teilnehmer einmal zu mir sagte.

 

Was bedeutet das für die tantrische Sexualität?

Das wichtigste Element, eine dauerhafte Verbindung zu gewährleisten, ist die Pflege der regelmäßigen Liebeszeit. Zum Beispiel einmal pro Woche mindestens zwei Stunden, besser drei oder vier. Eine Zeit, in der die Partner ganz bewusst zusammen treffen, einen liebevollen Raum gestalten und in der körperlichen Begegnung achtsam miteinander kommunizieren. Telefon, Internet, Türklingel, etc. bleiben außen vor und die Partner begegnen sich in Langsamkeit. „Slow Sex“ ist das Zauberwort.

Schnellen Konsum, achtlos hingeworfene Worte, gedankenloses Handeln sind wir aus dem Alltag gewohnt. Einander wirklich zu begegnen heißt, sich auf den Moment einzulassen, jede kleine Handlung bewusst ausführen, nachspüren, atmen. Sich gegenseitig Rückmeldung zu geben, was gerade passiert: Wie spüre ich dich? Wo spüre ich dich? Was löst es in mir aus, wenn du diese oder jene Bewegung machst? Was verändert sich in meiner Wahrnehmung, in meinen Emotionen? Wenn wir uns wirklich Zeit füreinander nehmen, den Partner in seinem So-Sein und mit allen seinen Ängsten und Gefühlen als Emanation des Göttlichen verehren, dann kann diese und damit jede Begegnung zu einer Kraftquelle für den Alltag werden.

Noch eine gute Nachricht zum Schluss: Sexualität wie Du sie bisher kennst und pflegst darf genau so weitergehen. Neben der tantrischen Sexualität – sowohl als auch. Du gehst lediglich das Risiko ein, dass sich in Deiner Sexualität insgesamt etwas verändert. Mehr Bewusstheit, mehr Freiheit, mehr Spaß! Die Liste der Nebenwirkungen ist endlos … und vielversprechend!

 

Text: Klaus Peill
Website: www.quinta-essentia.de

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Klaus Peill

Klaus Gabriel Peill, Jahrgang 1961, Tantra- und Reiki-Lehrer, Familiensteller und spiritueller Wegbegleiter. Als ausgebildeter Bankkaufmann, Elektroingenieur und Tonmeister war er 20 Jahre in der Vermarktung professioneller Audiotechnik tätig. Seit April 2010 selbständiger Gesundheitspraktiker (BfG) mit Schwerpunkt Persönlichkeitsbildung leitet er Seminare und gibt körperorientiertes Einzel- und Paarcoaching als Lebenshilfe und Begleitung in Lebenskrisen & Veränderungsprozessen.

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One thought on “Partnersuche auf Tantra Seminaren

  • 8. September 2016 um 12:29
    Permalink

    Einen lustigen, passenden Text dazu fand ich heute im Netz:
    „Uah, ich hasse es, wenn der Workshopleiter sagt: „Für die nächste Übung suche dir einen Partner oder Partnerin!“ Ich schaue umher. Die? Oder die? Hey, DIE vielleicht. Ja, genau, DIE!“
    Kicher. Wem kommt das bekann vor?
    Auf Workshops: Die Qual der Übungs-Partner-Wahl

    Antworten

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