Grenzen respektieren oder überschreiten?

Immer wieder beobachte ich meinen Widerstand gegen die Begrenztheit dieser physischen Existenz. Immer wieder beobachte ich, dass ich keine Lust habe, mich an der Begrenztheit dieser Welt, dieser Gesellschaft, dieses Körpers zu orientieren. Immer wieder spüre ich deutlich, dass die Grenzen von Körper, Zeit, Ressourcen nicht so fest sind, wie sie manchmal scheinen.

Ja! und gleichzeitig gibt es sie, die Grenzen!

Die Grenzen formen uns und unsere verschiedenen Ebenen, formen die Grenzen unsere Begegnungen und Beziehungen, ja: machen die Dualität erst möglich. Für mich gilt es immer wieder ganz einzutauchen in meine Begrenztheit – Meine Grenzen ganz wahrzunehmen, zu respektieren und anzunehmen. Und aus diesem >Innen in Frieden sein damit<, mich in vollem Gewahrsein wieder auszudehnen, meine Grenzen zu weiten, zu dehnen, bewusst zu überschreiten, mein grenzenloses Sein zu erfahren. Das grenzenlose Sein erfahren – um schließlich wieder den Weg in die Begrenztheit zu gehen, ganz hinein, meine Grenzen wertzuschätzen und anzunehmen.

Oft spür ich besondere Enge bevor es in die große Weite geht. Manchmal, wenn ich besondere ausgedehnte Weite spüre, wird’s wieder eng. „Alles im Leben ist ausdehnen und zusammenziehen“, erinnere ich mich immer wieder an einen Satz von Daniel Odier. Auch bei den Geburten, die ich am eigenen Körper erlebt habe und die ich als Doula begleite, erfahre ich immer wieder, dass in der größten Enge durch den Geburtskanal auch die größte Ausdehnung und Öffnung vorhanden ist. Bei der Geburt (wie eine liebe Freundin gern sagt: „one oft the biggest universal happenings“) erlebe ich immer und immer wieder enorme energetische Öffnung und Weite und gleichzeitig zeigt sich die vermutlich größte erfahrbare physische Enge und Begrenztheit. Auch davon unabhängig erleben wir immer wieder „Geburtsprozesse“ in unserem Leben – wie Tore in etwas Neues. Auch diese Geburtsprozesse sind meist geprägt von Enge und der Erfahrung von Begrenztheit – und schließlich oder oft gleichzeitig mit Ausdehnung und einer „neuen“ Weite und Freiheit.
In meiner Arbeit geht es immer wieder ganz bewusst um die Begrenzung und um die Übergänge zwischen Weite und Enge und Enge und Weiter. Zum Beispiel im Rebozo Cerrada (übersetzt auch „Wiederverschließen“, „Zentrieren“). Bei dieser mexikanischen Körperarbeitsmethode wird mit Hilfe von Tüchern ein Mensch ganz fest und eng umschlossen und so Druck von außen in einem Ritual „erzeugt“. Die Grenzen werden ganz spürbar. Die Enge und Begrenztheit, die ja eine ganz basale Erfahrung in uns ist, schickt alle Energien nach Innen, zentriert, komprimiert und lässt uns wieder neu sammeln. Viele Menschen erleben danach ein Gefühl wie neu geboren, sehr weit und frei.

Scheinbar brauchen wir das Enge, Begrenzte für das Weite über die Grenzen hinaus fliegende – und umgekehrt. Sie bedingen einander.

Also wann überschreitest du Grenzen? Wann ist das Grenzen überschreiten ausdehnend, wann herausfordernd, herausfördernd, wann bringt es Wachstum und Weite? Wann geht‘s in die Enge, in die Begrenztheit? Wann geht’s ums Grenzen respektieren, ums liebevolle annehmen? Wie geht’s dir mit dem Tanz zwischen der Begrenztheit und dem Grenzenlosen? Und wie geht’s dir mit der Wertungsfreiheit? Hältst du dich gern an einem fest?

 

Rebozo Cerrada unterstützt bei (Lebens-)übergängen, im Wochenbett, in Zeiten des inneren und äußeren Umbruchs, des Abschiednehmens und Neubeginns. Etwas wird abgeschlossen, die Energien wieder zentriert und gesammelt, bevor sie sich wieder neu orientieren und ausrichten.

ich geb mich hin … lass mich ein … lass mich drücken … lass mich begrenzen … spür meine grenzen … lass sie sein … mit allem was da ist … lass es geschehen … lass es sammeln … lass es sein … lass los … komm an in mir … komm an in dem was jetzt wichtig ist … komm an im moment … ich bin …

 

Text: Nicole Chalusch

Webseite: www.schichtweise.at

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Nicole Chalusch

Nicole Chalusch begleitet Menschen mit Körper- und Ritualbehandlungen (Shiatsu, Rebozo, Aguahara) und in unterschiedlichsten Gruppensettings an Land und im Wasser. Sie unterstützt als Doula bei Geburtsprozessen. Mutter von zwei Töchtern, Partnerin, Waldfrau, Wassertänzerin, Erforscherin der Höhen, Tiefen und Weiten des Lebens und des Seins.

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