Gibt es nur Trennendes oder auch Verbindendes zwischen Tantra und Polyamorie?

Mit dieser Frage kam man auf mich zu. Ich dachte: nun ja, viele Wege führen nach Rom. Ja, selbstverständlich gibt es Verbindendes auf dem Weg zu einer in sich runden, gereiften Persönlichkeit.

Um mich dem Thema anzunähern, stelle und beantworte ich erstmal ein paar Fragen, die ein tantrisch fühlender Mensch an einen polyamor fühlenden Mensch stellen könnte:

  • Geht es in der Polyamorie hauptsächlich um Sex? – In der Polyamorie geht es ähnlich wie beim Tantra um verlässliche Bindung, Loyalität und Vertrauen, nicht vordergründig um Sex; die Presse arbeitet aber kräftig daran, uns ein falsches Bild zu vermitteln (sex sells eben).
  • Muss man, um polyamor zu sein, alles und jeden lieben, auch wenn man das emotional gar nicht schaffen kann? – Sowohl Zeit als auch Kraftreserven und emotionale Energie eines Menschen sind endlich, so dass man nicht mit jedem interessanten Menschen eine tiefe Beziehung führen kann.
  • Gibt es Schubladen, in die man sich einordnen muss, um als polyamor zu gelten? So nach dem Motto: „Du bist ja gar kein echter Poly!“ oder im anderen Fall: „Du bist ja gar kein richtiger Tantriker!“ – Wir sind eine heterogene Community, so dass es „echte“ Polys (oder Tantriker) gar nicht gibt – und uns in Schubladen zu pressen, würde uns in unserer Vielfalt außerdem sehr einschränken.
  • Sind Tantriker per se polyamor? – Nur weil man manche tantrischen Übungen mit wechselnden Partnern machen kann, ist man noch nicht polyamor. Siehe oben: es geht in der Polyamorie nicht um wechselnde Partner. Und wenn ein monogamer Mensch ein paar Seitensprünge macht, ist er dadurch auch nicht polyamor. Man muss nicht zwingend Tantriker sein, um polyamor sein zu können.

Bei folgenden Fragen muss ich allerdings etwas weiter ausholen:

  • Gibt es Wertschätzung, Achtsamkeit, Respekt oder Anerkennung in beiden Bereichen, in Polyamorie und im Tantra? Gibt es eine ähnliche Haltung? Oder sind die einen die Guten und die anderen die Bösen, von denen man sich abgrenzen muss?
  • Wie gehen Tantriker oder Polys mit Problemen in der Gestaltung der Beziehung um?
  • Gibt es bestimmte Übungen oder Rituale, die den Menschen helfen, ihre Beziehungen individuell zu gestalten?
  • Können sich die beiden Strömungen ergänzen? Ist ein Erfahrungsaustausch überhaupt sinnvoll?

Ich möchte aus der Sicht einer polyamor lebenden Frau mit Tantra-Erfahrungen das Gemeinsame, Verbindende zwischen Polyamorie und Tantra in den Vordergrund stellen. Ich möchte Erfahrungen teilen und Hilfestellungen für Menschen auf der Suche anbieten. Es gibt viele Verbindungslinien, zum Beispiel die Kontakt- und Zentrierungsübungen – oder generell die Haltung.

 

Polyamorie oder Tantra – (k)ein Vergleich?

Ich erinnere mich an (sowohl hier als auch dort gelernte) Übungen, die einen absichtlich auf sich selbst zurückwerfen, um eine solide Basis für Beziehungen zum Du zu haben. Eine offene Haltung und die Bereitschaft, seine eigenen Untiefen zu bereinigen, helfen dabei, künftige Beziehungen gelingen zu lassen. Es macht mich glücklich, mit meinen Seminarwochenenden dazu etwas beitragen zu können.

Nach meiner Ansicht münden beide Wege in eins:

  • sich selbst und andere besser kennen lernen,
  • den Selbstwert stabilisieren,
  • kommunizieren üben – denn was ist Tantra anderes als Kommunikation?

Tantra kann ebenso wie Polyamorie eine Lebenseinstellung werden und mit allen Sinnen gelebt werden.

Fazit: die Menschen, die polyamor leben, brauchen und erlernen ähnliche Fertigkeiten wie die Menschen, die den tantrischen Weg gehen. Wer polyamor leben möchte, braucht gute kommunikative Fertigkeiten und den Mut, sie anzuwenden. Eine gute polyamore Beziehung benötigt die gleichen Zutaten wie eine gute monogame Beziehung.

Ein geflügeltes Wort sagt mit einem Augenzwinkern: „Monogame Beziehungen funktionieren nicht – polyamore Beziehungen funktionieren auch nicht.“ Das soll lächelnd darauf hinweisen, dass niemand die Weisheit mit Löffeln gegessen hat.

Es ist eine Tatsache, dass polyamore Beziehungen dann besonders gut funktionieren, wenn die Beteiligten einen stabilen Selbstwert mitbringen. Doch woher nehmen? Wo üben?

Auf unserem Weg zu mehr Authentizität und Lebensfreude nutzen wir Foren zum Üben. Beispielsweise Tantra-Jahrestrainings; oder die Treffen, Stammtische und Wochenenden des Polyamoren Netzwerks, bei denen es um Selbsterkenntnis, Wachstum/Entwicklung, Achtsamkeit, Kommunikation, Bewusstheit, Wohlfühlen und Polyamorie geht.

 

Warum ich polyamor empfinde und lebe?

Weil Polyamorie Reife erfordert. Wer polyamor lebt, lebt in einem sehr filigranen Beziehungsgeflecht mit viel Verbindlichkeit und Feingefühl, auch mit wenig Illusion der Sicherheit und wenig Goldenem Käfig. Das heißt: ich muss auf eigenen Füßen stehen, auch emotional. Ohne ein stabiles Selbstwertgefühl geht Polyamorie nicht. Und ich liebe diese Herausforderung. Hier kann ich reifen.

Ich bin eine Netzwerkerin. Ich liebe es, viele Menschen in Freundschaft, Liebe und Wohlwollen zu verbinden. Ich liebe es, Verbindungen herzustellen, achtsam zu handeln und zu kommunizieren und diese Art der Kommunikation in die Welt zu tragen. Ich bemühe mich, Bedürfnisse zu erkennen, demgemäß zu handeln, Grenzen zu achten und Grenzen zu setzen.

 

Wertschätzung, Achtsamkeit, Respekt

Worte, die wichtig sind sowohl im Tantra als auch in der Polyamorie. Sie sind weit mehr als nur leere Wort-Hülsen.

Wenn ich im Verehrungsritual das Göttliche in dir wertschätze, bringe ich dir ebenso viel Respekt entgegen, wie wenn ich dir am polyRAUM-Wochenende achtsam lausche.

Beispielsweise erzählst du eine Begebenheit aus deinem polyamoren Leben. Achtsam umkreisen wir das Thema in wertschätzender, respektvoller Art und Weise. Ganz ähnlich der Achtsamkeit, mit der wir uns im tantrischen Verehrungsritual umkreisen. Es geht um Bedürfnisse, und jemand legt dir die Hand zwischen die Schulterblätter. Es tut dir gut, es stärkt dich. Deine Wirbelsäule richtet sich auf. Für mich ist so ein Moment vergleichbar mit dem Gefühl, tantrisch-rituell verehrt zu werden. Du hast eine Hilfestellung auf Deinem Weg bekommen.

 

Herzliche Grüße von Eurer Polybi

 

Polybi bloggt auf polytreffgruenstadt.wordpress.com

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