Es ist nicht der Sex, der die Bindung macht …

Seit ich mich mit dem Thema bewusst auseinandersetze, mache  ich verschiedene Erlebnisphasen durch. Einmal scheint es, als würde intensiv gelebte Sexualität eine extrem enge Bindung erzeugen. Ein anderes Mal erlebe ich Sexualität als eine erfüllende Feier der Körper und die Beteiligten gehen ihrer Wege – ohne Verpflichtung und ohne Bindung. Woran liegt das?

 

Sehnsucht nach Einheit

In der christlichen Tradition ist gelebte Sexualität eng verknüpft mit der Ehe, einer Partnerschaft auf Lebenszeit. Anachronistische Vorstellungen von gegenseitigen „ehelichen“ Verpflichtungen prägen dieses Bild. Im Alter von 18 Jahren – noch unberührt und „unschuldig“ – lebte diese romantische Vorstellung noch in jeder Zelle meines Körpers: die erste Frau, mit der ich Sexualität lebe, wird die Frau meines Lebens sein! Wir werden gemeinsam auf Wolke 7 schweben und die himmlischen Chöre werden singen, begleitet von majestätischem Glockengeläut. Die Realität hat mich dann unerwartet schnell eingeholt: als es in meiner ersten richtig großen Verliebtheit zu einer Frau dann soweit war, dass wir beide die Vereinigung wollten, hatten wir kein Kondom und der coitus interruptus zur Verhütung ungewollter Empfängnis liess mich von Wolke 7 jäh abstürzen! Nach einem halben Jahr und einigen Wiederholungen dieses damals noch frustrierenden Vorgangs endete die Beziehung. Irgendwie fühlte ich mich abhängig von dieser Partnerschaft, solange sie währte und vergoss endlose Tränen, als sie endete. War es der (unerfüllte) Sex, der uns aneinander gebunden hatte? Nein, es war etwas anderes, tiefer liegendes. Eine Sehnsucht nach dem Gefühl von Angenommen-Sein, Willkommen-Sein, sein zu dürfen, wie ich bin.

 

Hohe Minne

„The Accolade“ von Edmund Blair Leighton

„Den Mann zieht es zur Frau, weil ihm das Weibliche fehlt und er – um sich vollständig zu fühlen –  das Weibliche/ die Frau braucht.“ (Bert Hellinger). Ja, genauso fühlte ich es damals! (Meine Sicht der Geschlechterwelt war extrem fixiert auf die Dualität von Mann und Frau.) Es folgte eine mehrjährige Beziehung inklusive Verlobung. Auch diese Verbindung basierte weniger auf der Sehnsucht nach sexueller Vereinigung. Sexualität gehörte dazu, war aber nicht der eigentliche Grund unseres Zusammenseins. Auch war es nicht der „Kitt“ unserer Partnerschaft. Tatsächlich ergänzten wir uns gut in vielen Lebenslagen und ich fühlte mich „vollständiger“, wenn ich mit meiner Verlobten beisammen war. Ich fühlte mich sicher. Bis sie eine sexuelle Erfahrung mit einem anderen Mann machte und mir den „Laufpass“ gab. Etwa in dieser Zeit bekam ich eine Ahnung davon, dass Sexualität und Partnerschaft sich nicht gegenseitig bedingen müssen. Doch die romantische Vorstellung von Liebe zerrte mit aller Macht an mir: Sexualität ohne Liebe ist verwerflich. Liebe ohne Sexualität ist „hohe Minne“ – eben etwas „Besseres“. Oder doch nicht?

Vielleicht müssen wir den Begriff von Liebe unterscheiden. Verliebtheit, Zuneigung oder Sympathie und eine „weite“ Liebe. Eine Liebe aus dem Herzen, die absichtslos liebt. Eine Liebe, die anerkennt was ist, nichts ändern will und sich verströmt ohne zu fragen, wer oder was ihr Ziel ist. Und dann wäre da noch die Selbstliebe …

 

Unerfüllte Bedürfnisse

Mein Fortschreiten auf dem (tantrischen) Bewusstseinsweg hat mich nicht vor weiteren Enttäuschungen in Beziehungen bewahrt. Vielleicht deshalb, weil mir nicht bewusst war, welche Bedürfnisse einer Beziehung zugrunde liegen. Da ist zum einen der zutiefst menschliche Wunsch nach Bindung, einem Gefühl von Zugehörigkeit. Eine Beziehung kann ich jedoch nur als (heil)sam erleben, wenn in ihr ein Ausgleich stattfindet. Das heißt, wenn Geben und Nehmen sich die Waage halten. Und ein Drittes ist das Streben nach Ordnung in der Beziehung. Ist es eine Paarbeziehung, bedeutet Ordnung das Sich-Begegnen auf Augenhöhe. Keiner steht über oder unter dem Anderen.

An diesem dritten Punkt sind die meisten meiner Beziehungen gescheitert, unabhängig davon, ob wir guten oder schlechten, viel oder wenig Sex hatten. Entweder war ich Hals-über-Kopf verliebt und stellte meine Partnerin auf einen Sockel. Oder ich fühlte mich bedürftig. Sei es, dass mein Ego eine Bestätigung brauchte, oder dass ich etwas in meine Partnerin projizierte, das mich von ihr emotional abhängig machte oder ihr eine Rolle aufdrängte, die ihr nicht zustand (z.B. Mutterersatz).

Zwar fühle ich auch eine intensive Bindung, wenn sexuelle Vereinigung stattfindet oder stattgefunden hat und das scheint auch abhängig von der Anzahl oder Dauer der Vereinigungen zu sein. Doch wenn ich diesem Gefühl nachgehe, welches mich eine Wiederholung ersehnen lässt, finde ich ehrlicherweise oft eine Art emotionaler Abhängigkeit oder mentaler Gefallsucht, die mich an die Vergangenheit bindet. Es ist also nicht der Sex, der die Bindung macht, sondern die damit verbundenen Emotionen und/ oder Vorstellungen des Verstandes. Auf der körperlichen Ebene erlebe ich mich als „unschuldig“. Hier dauert die Bindung, solange sie währt – im Hier und Jetzt und keinen Moment davor oder danach.

 

Hildegard von Bingen, Liber Divinorum Operum (13. Jh.). Der Mensch im Mittelalter ist als Mikrokosmos Spiegel des Makrokosmos – und zugleich Ebenbild Gottes.

Sexualität als Ver-Bindung zum Göttlichen

Wieder fällt mir ein Satz aus der christlichen Tradition ein: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib. (Lutherbibel)“. Die Sehnsucht nach sexueller Vereinigung ist also doch eine Sehnsucht nach Göttlichkeit? Fern von allen anderen (Sehn-)Süchten auf energetischen, emotionalen oder mentalen Ebenen? Ich glaube, ja. Sexualität ist die natürlichste Sache dieser polaren Welt und indem wir Sexualität leben, verbinden wir uns mit dem göttlichen Wesenskern in uns. Es ist eine An-Bindung an unseren (göttlichen) Ursprung, eine Erfüllung unseres Seins auf dieser Erde und gleichzeitig ein Vorgeschmack auf den Abschied von dieser Daseinsform, wenn wir irgendwann einmal diesen irdischen Plan verlassen und im Tod eine neue Dimension erfahren.

 

Text: Klaus Gabriel Peill

Webseite: www.quinta-essentia.de

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Klaus Peill

Klaus Gabriel Peill, Jahrgang 1961, Tantra- und Reiki-Lehrer, Familiensteller und spiritueller Wegbegleiter. Als ausgebildeter Bankkaufmann, Elektroingenieur und Tonmeister war er 20 Jahre in der Vermarktung professioneller Audiotechnik tätig. Seit April 2010 selbständiger Gesundheitspraktiker (BfG) mit Schwerpunkt Persönlichkeitsbildung leitet er Seminare und gibt körperorientiertes Einzel- und Paarcoaching als Lebenshilfe und Begleitung in Lebenskrisen & Veränderungsprozessen.

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