Du bist (m)eine Göttin!

Zur Beziehung im tantrischen Sexualcoaching

 

Als Tantramasseurin erlebte ich das oft genug, dass ich von meinen männlichen Kunden insgeheim oder ganz offensichtlich zum Sexualobjekt gemacht wurde. In der einfachsten Variante habe ich da einfach einen Menschen vor mir, der während der Massage gern mal selber ‚hingrabschen‘ möchte. Aber es gibt auch Steigerungen davon – Menschen, die sich nach der Begegnung in den allerhöchsten Tönen in Bewunderung ergehen und davon gar nicht lassen können.

Du bist einfach fantastisch, bei dir habe ich erlebt, was ich nirgendwo sonst hätte erleben können! Du bist das BESTE, was mir je passiert ist, ich kanns noch gar nicht fassen! IRRE! Du bist der absolute Wahnsinn! Du bist meine GÖTTIN!!!!

Diese sehr persönliche Begegnung aus meinem Erfahrungsschatz hatte beim Kunden offensichtlich was ausgelöst. Allerdings vergessen die solchermaßen Berührten allzu leicht, dass die Masseurin zwar persönlich, aber nicht privat anwesend war.

Das Ritual der Tantramassage mag ein Schutz sein, ermöglicht das dann doch den mehr oder weniger sanften Hinweis, dass solch ein gesellschaftlich ‚unerhörtes‘ Vorgehen wie ‚Nackert anfassen und dabei innig Lächeln‘ nicht wirklich bedeutet, dass die Masseurin sich in ihren Kunden verliebt hat. Wer Ohren hat zu hören, höre. Für manche ist allerdings auch das zu viel verlangt, die Sehnsucht ist zu groß.

Aber es gibt auch im Bereich des Sexological Bodywork und des Sexualcoachings solche Erlebnisse. Zwar findet die Session ebenfalls in einem klar definierten Rahmen statt – und auch noch angezogen, jedenfalls, was den Coach betrifft -, aber das hindert den Klienten manchmal nicht daran, sich an die in der gemeinsamen Arbeit entstandene Beziehung zu klammern und nicht mehr loslassen zu können.

 

Was ist das für eine Beziehung?

Kann man das lehren, das Loslassen nach oder in einem solchen Veränderungsprozess?  Oder ist es nicht etwa ein Zeichen eben dieser Veränderung, dass Loslassen möglich ist?

Die meisten Menschen, die zu mir mit Fragen rund um ihre Sexualität kommen, erleben sich als sexuell eingeschränkt und defizitär. Sie leben ihr wahres erotisches Potenzial nicht und Beziehung bedeutet für sie sehr oft gegenseitige Abhängigkeit – und damit Verdruss und/oder Leistungsstress, gefolgt von körperlichen Symptomen des Nicht-mehr-Funktionieren(-Wollens). Was immer sie während des Coachingprozesses erleben, macht sie auch abhängig von mir, solange das nicht reflektiert wird. Da entstehen Erwartungshaltungen und Sehnsüchte. Denn sie erleben Offenheit und Zugewandtheit, sie dürfen sich mit ihren Problemthemen zeigen und erfahren, dass sie grundsätzlich positiv wahrgenommen werden.

Das kickt ja irgendwie. Erst recht, weil es um ein immer noch so tabubehaftetes Thema wie die eigene Sexualität geht. Erst recht, weil der Coach hier noch sehr viel mehr Nähe und Herzenswärme in der Prozessarbeit zulassen muss als beispielsweise in einem Businesscoaching. Erst recht, wenn der Hintergrund eine tantrische Grundhaltung auf Seiten des Coaches ist, wo ‚alles sein darf, was ist‘ – das ist für viele Klienten ungewohnt und daher nicht handhabbar.

 

Beziehung und Bindung

Ja, es entsteht Beziehung, wenn Menschen miteinander in Kontakt treten. Jede Form der Begegnung ist ja bereits Beziehung – mit meinem Schuhmacher habe ich natürlich eine andere Beziehung als mit meinem Geliebten – aber Beziehung ist ja noch nicht gleich Bindung. Leider kann das schon mal verwechselt werden, besonders wenn heiße Eisen wie Sex, Gefühle, Intimität das Thema sind.

‚Schuld‘ ist natürlich unsere soziokulturelle Konnotation von Sex und Liebe mit all ihren Verwerfungen und Verstrickungen. Bindung im Tantra meint das allfällige, allseitige, allzeitige Verbundensein mit allem, was ist. Bindung im traditionellen Sinne meint meist die erotisch-soziale Zweierbeziehung. Diese Art von Bindungsverständnis sieht den Partner oft mehr als die Beziehung als solches und wertet ihn entsprechend auf. Der Blick auf sich selber hingegen gilt als egoistisch und ‚wahrer‘ Liebe nicht angemessen. Und manche Klienten leben eben auch in der sehr persönlichen Coachingbeziehung ihr Modell der Abhängigkeit, das für sie Bindung – und Beziehung – bedeutet.

 

Vom Ich über das Du zum Wir

Erst wenn Menschen verstanden – und erlebt! – haben, was Authentizität des Seins bedeutet, im Gegensatz dazu, sich im andern zu verlieren, oder sich über ihn zu definieren, sind sie imstande, mit Nähe und Distanz produktiv umzugehen. Der Coach begleitet auf diesem schwierigen Weg.

Anfänglich stehen die eigenen Bedürfnisse bzw. die eigenen Sinneswahrnehmungen im Vordergrund. Wenn alles sein darf, was ist, darf auch die Nabelschau sein. Erst das ‚wer bin ich eigentlich?‘ führt zu einem wahrhaftigen ‚Und wer bist du?‘ und zu einem lebendigen ‚Wir‘ in der Partnerschaft. Denn wenn ich weiß, wer ich bin, was mich ausmacht, welche Bedürfnisse ich habe und wie ich sie kommunizieren und stillen kann (anders als durch das unsensible ‚Hingrabschen‘), dann kann ich auch den Partner richtig wahrnehmen und ihm dieselbe Offenheit erweisen. In dieser Offenheit entsteht dann Resonanz, entsteht Beziehung.

Aus einer von Bedürftigkeit geprägten inneren Haltung kann nur entstehen, dass der Partner – oder Coach –  als Erfüllungsgehilfe eben dieser Bedürfnisse wahrgenommen wird. Wer jedoch mit sich selbst in gutem Kontakt ist, der kann dieses Modell der ‚Selbst-Beziehung‘ auch auf den Kontakt mit anderen Menschen anwenden. Und wo kein Defizit mehr herrscht, kann dann Überfluss an den Partner weitergegeben werden. In diesem Überfließen entstehen authentischer Kontakt und gegenseitige emotionale Bereicherung, ohne dass dabei neuer Mangel entstünde. Um es mit David Schnarch, dem großen amerikanischen Sexualtherapeuten zu sagen: Man erlebt sich als differenziert. Um es mit Wolfdietrich Schnurre zu sagen: Lieben heißt loslassen können.

Das Lieben zu lehren, hieße also, das Loslassen zu lehren.

Und das Loslassen zu lehren hieße dann wohl, die Liebe zu lehren.

 

Text: Magdalena Wede
Website: www.trm-coaching.com

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Magdalena Wede

Magdalena Wede ist Sexological Mind- & Bodyworker und Gesundheitspraktikerin (BfG) für Sexualität. Sexological Mind- & Bodywork verbindet als körperorientiertes Sexualcoaching Denken, Handeln und Fühlen und nutzt für die Veränderungsarbeit u.a. auch Elemente aus dem Tantra und der systemischen Sexualtherapie.

‚Seit ich mich erinnern kann, fasziniert mich die menschliche Sexualität mit all ihren Facetten des Erlebens. Die erotische Begegnung von Mann und Frau kann uns in elementarer Weise mit uns selbst und unserer Lebendigkeit verbinden.‘

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