Die Wahrheit heilt –Wahrhaftigkeit in der alltäglichen Kommunikation

„Is‘ was?“ – „Nichts!“ – „Dann is‘ ja gut …“

Das ist der Klassiker schlechthin in der Kommunikation zweier Menschen – unabhängig von deren Geschlecht – in welchem ein wichtiges Prinzip bewusster Begegnung zur Anwendung kommen kann: Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. Wenn wirklich „nichts“ ist, dann ist es vielleicht tatsächlich „gut“. Doch in vielen Fällen ist da eben doch „etwas“, was die fragende Person spürt: feine zwischenmenschliche Schwingungen, die wir bewusst oder auch unbewusst wahrnehmen und uns signalisieren, dass da eventuell etwas nicht in Ordnung ist. Unsere geheime Sehnsucht nach Harmonie und Angenommen Sein lässt uns dann im günstigsten Fall die Frage nach dem „was ist?“ stellen. Wie oft jedoch verkneifen wir uns die Frage, aus Angst vor der Antwort? Unser Verstand beginnt, Erklärungen für die ungemütliche Situation zu suchen. Warum runzelt mein Gegenüber gerade die Stirn? Warum ist mein Partner heute so schweigsam? Habe ich etwas „falsch“ gemacht? Und wenn ich jetzt danach frage, wird mir die Antwort gefallen? Vielleicht mache ich mit meiner Frage ein Fass ohne Boden auf – dann kann es sein, dass die Situation außer Kontrolle gerät … Um Gottes Willen! Also gut, ich nehme allen meinen Mut zusammen und frage mit ehrlichem Interesse: „Was ist gerade mit Dir?“ und etwas in mir hofft immer noch auf die lapidare Antwort: „Nichts“. Dann wäre alles gut, oder? Wenn die Antwort ehrlich ist, ja!

Mut zu Wahrhaftigkeit

Ehrlichkeit bringt nur Nachteile! Dieser Glaubenssatz möchte mein Leben immer wieder beherrschen. Wie groß ist oft die Versuchung, mir mit kleinen Lügen, Unwahrheiten, oder dem Verschweigen von Tatsachen Vorteile zu verschaffen. Egal ob auf Ämtern, beim Einkaufen, oder auch in beruflichen oder persönlichen Beziehungen. Glücklicherweise haben diese Versuchungen bis heute nicht dazu geführt, dass ich zur Vermeidung möglicher Nachteile der Lüge den Vorzug gäbe. Denn tatsächlich hat sich mir in fast allen Fällen gezeigt, dass Aufrichtigkeit auch Klarheit bringt. Sie trennt sozusagen die Spreu vom Weizen und verhindert Unsicherheit und Angst vor Bloßstellung, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.

Diese Klarheit empfinde ich bisweilen schon als Entblößung in dem Moment, wo ich Wahrheit offen präsentiere. Denn es könnte ja auch sein, daß meine Wahrheit nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Oder wenigstens, daß meine Wahrheit eine andere ist, als die meiner Mitmenschen. Dann empfinde ich vielleicht Ablehnung. Besonders schmerzhaft erlebe ich diese Ablehnung wenn sie mir vermittelt, dass etwas mit mir nicht in Ordnung ist, dass ich nicht „ok“ bin. Gerade dann ist es von großem Vorteil, wenn ich Gründe für eine Ablehnung in Erfahrung bringen kann, die nichts mit mir als Mensch zu tun haben. Bevor ich mir also lange Gedanken darüber mache, was mit mir nicht in Ordnung sein könnte, wenn mein Gegenüber die Stirn runzelt, kann die mutige Frage „Was ist gerade mit Dir?“ eine unangenehme Situation auf zweierlei Weise entspannen: erstens, weil mein Gegenüber sich gesehen fühlt und zweitens, weil das Stirnrunzeln vielleicht gar nichts mit mir zu tun hat.

Wahrheit, Güte und Notwendigkeit

Oft stellt mir sich auch die Frage, ob das Aussprechen meiner Gefühle Sinn macht. Ein guter Leitfaden für meine Kommunikation sind hier die „drei Siebe des Sokrates“: Wahrheit, Güte und Notwendigkeit.

Erstens: ist das, was ich aussprechen will wahr? Ist es meine Wahrheit, hinter der ich stehe? Ist es authentisch? Oder plappere ich vielleicht nur etwas nach, das ich irgendwo gehört habe?

Zweitens: zeugt es von Güte und Wohlwollen, wenn ich meine Gedanken und Gefühle jetzt ausspreche? Bin ich dem Menschen emotional zugewandt, dem ich meine Wahrheit zumute? Oder geht es mir darum, mich nur selbst besser zu fühlen und mich so von dem anderen zu distanzieren?

Drittens: wendet das was ich sage eine Not? Wird eine unangenehme Situation durch meine Rede verwandelt in einen Zustand gegenseitigen Einvernehmens? Oder wird die Kluft zwischen uns dadurch vergrößert? Erst wenn ich all diese drei Fragen positiv beantworten kann, kann es sinnvoll sein, meine Rede zu führen und meine Wahrheit offen und ehrlich in die Welt zu bringen.

Ehrlichkeit kann wehtun

Selbst wenn die drei Siebe des Sokrates angewendet werden kann Ehrlichkeit immer noch Schmerz erzeugen. Meist ist es die schmerzvolle Erkenntnis, dass etwas nicht so ist, wie es zu sein scheint. Oder eben nicht so, wie uns unser Verstand vorgegaukelt hat. Das führt dann im positiven Sinne zu Ent-Täuschung, die im ersten Moment weh tut. Gleichzeitig entsteht jedoch auch dieses befreiende Gefühl von Klarheit, wenn die Nebel der Spekulation sich auflösen. Nun haben wir einen ungetrübten Blick auf die Wirklichkeit und Wahrheit, wenn wir nicht im Schmerz stecken bleiben. Im Schmerz erfahren wir Trennung, Ablehnung und ein Gefühl der Ausgeschlossenheit. Wenn wir durch den Schmerz hindurch gehen, kommen wir wieder in heilsame Verbindung, Einklang und Kontakt mit der Wirklichkeit. Ehrlichkeit kann wehtun, ja – doch sie erzeugt auf der zwischenmenschlichen Ebene auch eine ganz intensive Nähe!

Wahrhaftigkeit im Alltag

Ein wichtiger Pfeiler des tantrischen Rituals ist die offene und ehrliche Kommunikation: „Wie geht es mir gerade jetzt in diesem Moment?“ Der Zauber des tantrischen Rituals entsteht unter anderem durch die intensive Nähe, wenn sich die Teilnehmer zu Beginn offen und ehrlich ihre Erwartungen, Ängste und Gefühle mitteilen. Diese Nähe öffnet einen Raum für heilsame Begegnung in welchem Täuschungen aufgehoben werden. Hier kann ich mich auch mit meiner Angst, meinen Zweifeln und meinen Wünschen gesehen und angenommen fühlen. Und gleichzeitig kann ich im Kontakt mit mir selbst und meinem Gegenüber sein.

Können wir diese Offenheit mit in den Alltag nehmen und mit der Frage „Was ist gerade mit Dir?“ ein ehrliches und aufrichtiges Interesse an Klarheit bekunden? Wieviel mehr Wertschätzung liegt darin im Vergleich zur flapsigen Formulierung „is was?“, die das „Nein“ schon provoziert, weil ein „Ja“ zu Komplikationen führen könnte? Würden wir uns dadurch näher kommen? Wäre es möglich, dass sich die zwischenmenschlichen Gräben mit Verständnis, Achtung und vielleicht sogar Liebe füllten? Was sind Deine Erfahrungen?

 

Text: Klaus Gabriel Peill

Website: www.quinta-essentia.de

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Klaus Peill

Klaus Gabriel Peill, Jahrgang 1961, Tantra- und Reiki-Lehrer, Familiensteller und spiritueller Wegbegleiter. Als ausgebildeter Bankkaufmann, Elektroingenieur und Tonmeister war er 20 Jahre in der Vermarktung professioneller Audiotechnik tätig. Seit April 2010 selbständiger Gesundheitspraktiker (BfG) mit Schwerpunkt Persönlichkeitsbildung leitet er Seminare und gibt körperorientiertes Einzel- und Paarcoaching als Lebenshilfe und Begleitung in Lebenskrisen & Veränderungsprozessen.

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